Classic Telephon GmbH - Presse - Tagesanzeiger vom 6. September 2004

Presse - Tagesanzeiger vom 6. September 2004

 

Die anachronistische Welt des Gilbert Engler

Gilbert Engler - Classic Telephon
Gilbert Engler repariert, restauriert
undt verkauft mit Leidenschaft
Telefonapparate aller Epochen und Stile.

 

 



Während wir die Handys bald wie die Socken wechseln, gibt einer sein Herzblut, damit der Telefonapparat nicht ausstirbt.

Von Simone Luchetta

Wer an der Zürcher Mühlebachstrasse Nummer 59 weitab von Laufkundschaft und Shoppingmeilen den Wegweisern «Classic Telephon» folgt, um den Wohnblock herumgeht und in den Keller hinabsteigt, findet sich im Reich von Gilbert Engler wieder. In einer musealen Welt des Telefons. Im engen Verkaufsraum buhlen exquisite Apparate um Aufmerksamkeit: original Ericsson-Modelle von 1892, eine holzige Hasler-Wandstation aus dem Jahr 1917, ein weisser PTT-Tischapparat Modell 70 oder ein pinkes Ericofon aus den Sixties. Selbst Hotelvermittler zum Stöpseln sind zu haben. Engler hütet insgesamt 370 verschiedene Modelle aus der ganzen Welt, alle detailgetreu restauriert und erst noch funktionstüchtig. Die attraktiven Wohnaccessoires erfüllen die Bakom-Vorschriften und sind einfach ans Telefonnetz anschliessbar.

«Es ist wichtig, dass unsere Geräte genauso aussehen wie damals, als sie die Fabrik verliessen», sagt Engler. Dafür steckt er in jedes Gerät 4 bis 40 Stunden Arbeit. Zuerst überholt er das Gehäuse und zieht dazu auch Spezialbetriebe bei. Die Metallteile verzinkt oder verchromt eine galvanische Anstalt neu. Ein Zolliker Schreinermeister restauriert die Holzgehäuse: «Für diesen speziellen Glanz braucht es Schellack, vierzig Schichten, und jede muss einzeln poliert werden.»

Wohnaccessoires für Jung und Alt
Das älteste Telefon konnte Engler letzte Woche verkaufen. Eine Ericsson-Wandstation von 1891. Sie ging für 7840 Franken an einen Villenbesitzer. «Meine Kunden sind oft Leute, die sich etabliert haben und zu ihrer speziellen Einrichtung ein Telefon im passenden Stil wünschen», sagt Engler. Auch 15- bis 30-Jährige gehören zu seiner Kundschaft. Sie sind scharf auf Vintage-Modelle wie etwa das Ericofon, das Stromberg-Carlson mit Jahrgang 57 und der Wählscheibe im Hörer, das durchsichtige Twinphone von Swatch oder einfach die PTT-Klassiker in Schwarz, weissem Bakelit oder rotem Plastik.

Die Retromodelle gehen für wenig Geld über den Tresen. Das Modell 70 kostet zwischen 85 und 190 Franken, Modell 50 schwarz, grau und crème ab 170 Franken, Ericofone gibts ab 180 Franken. «Mit Telefonen wird man nicht reich», sagt Engler. Daran ändert auch nichts, dass er nicht nur restauriert, sondern auch repariert. In der Werkstatt nebenan wartet zum Beispiel ein schwarzes PTT-Telefon, das ein Kunde für 80 Franken auf dem Flohmarkt erstanden hat. Engler motzt es auf, putzt das klebrige Kabel, bringt einen neuen Hörer an und verlegt neue Drähte – für bescheidene 230 Franken.

Der weisshaarige Engler steht quer in der Zeit. Reparieren ist out, verkaufen ist in. Die Leute kaufen alle ein bis zwei Jahre ein neues Handy – so schnell wie nie. Die Geräte sind meist nicht kaputt, sondern einfach nicht mehr mit den hippsten Funktionen ausgestattet. Die Festnetzapparate dagegen werden laut Swisscom-Sprecher Sepp Huber erst erneuert, wenn sie nicht mehr funktionieren, das ist nach zwei bis vier Jahren. Auch hier wird Flicken nicht gross geschrieben. Was älter als fünf Jahre ist, wird von der Swisscom nicht repariert.

Manchmal schickt sie Kunden zu Engler. Dieser hat beim Übergang von der Telecom zur Swisscom einen grossen Teil des Warenlagers übernommen und kauft seit Jahren Restposten auf. So stapeln sich Hörer aus Metall und Bakelit, komplette Nummernschalter, Gehäuseteile und vieles mehr. «Diese stoffummantelten Anschlussschnüre finden Sie nur noch bei mir», sagt er und fährt dabei fast zärtlich über das Kabel eines alten Siemens-Apparates. Die antiken Raritäten bringen ihm Antiquitätenhändler vorbei, die ihn kennen. Er selbst reist nicht. An der Mühlebachstrasse befindet sich nicht mal zehn Prozent seiner Ware. Der Rest ist in drei Lagern untergebracht: etwa 5000 Geräte.

Nachfolger gesucht
Seit 1970 ist Engler in diesen Räumen. Angefangen hat er mit dem Verkauf von Occasion-TVs. «Wir waren die Ersten in der Schweiz. Unsere grösste Sorge war damals, genügend Geräte zu haben. Die Leute standen Schlange.» Doch das änderte sich, und 1985 sah er sich gezwungen, Telefone ins Angebot aufzunehmen, heute sind die TV-Geräte ganz verschwunden.

Weil seine Mutter es so wollte, lernte Engler das Metier des Tapezierers und Schriftenmalers. Heimlich liess er sich in Abendkursen aber zum Elektriker ausbilden und machte sein Hobby doch noch zum Beruf. Jahrelang stand er morgens um halb sieben in der Werkstatt, und vor halb neun abends verliess er sie kaum. Jetzt muss der 58-Jährige kürzer treten: «Der Doktor sagts». Er sucht deshalb ernsthaft einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Es sollte ein Verkäufertalent sein, eine durchschnittliche Begabung als Elektriker reiche: «Aber eine Leidenschaft für Telefone muss man haben».